Wenn der Bär piepst


Sprach­päpste, Text­chefs und Kommu­ni­ka­ti­ons­gurus haben viele gute Tipps auf Lager. Aber auch von drei­jäh­rigen Kindern kann man eine Menge über gute Texte lernen. Drei Beob­ach­tungen.

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Na, schon wieder eine Geschichte ohne starke Verben? Drei Text­tipps aus der Kinder­stube. Foto | Serhiy Kobyakov / Shut­ter­stock

Süß und witzig, wenn kleine Kinder spre­chen lernen und dabei über die Unregel­mäßig­keiten der Gram­matik stol­pern: „Mama hat mir das gegebt“, „Hilf mir, das zu aufma­chen“, „Schau mal die zwei Hünde“. Kinder versu­chen vom ersten Lebenstag an, in dem ganzen Geplapper der Erwach­senen einen Sinn zu erkennen, legen immer feinere Kate­go­rien an und prak­ti­zieren den Analo­gie­schluss: ein Hahn – zwei Hähne, ein Hund – zwei Hünde. Kinder gehen also logisch an die Sache ran. Und darum können wir von ihnen viel darüber lernen, wie das Zusam­men­spiel von Gehirn und Sprache abläuft. Der Alltag mit kleinen Kindern bietet immer wieder Gele­gen­heit, zu entde­cken, was einen guten Text ausmacht. Hier drei Beob­ach­tungen dazu:

1Ein Nein ist ein kleines Ja

Die süße Kleine stromert durch die Wohnung, plötz­lich greift sie in den Blumen­topf, holt sich eine Hand­voll Erde und holt zum Wurf aus. Sie rufen: „Nicht werfen, nicht werfen!“ Das Kind zögert kurz – und wirft. Warum ist das so? Nega­tionen können wir mit zuneh­mendem Alter zwar abstrakt verstehen, aber unser Gehirn ist funda­mental unfähig, etwas nicht zu denken. Gesagt, gedacht, getan. Das Kinder­hirn hört: „Nicht WERFEN, nicht WERFEN!“ und schon wird die Wurf­be­we­gung ausge­löst. Kein Wunder, dass das Kind Sie danach oft stolz angrinst – Sie haben es schließ­lich gerade ange­feuert!

Das Gehirn kann nicht nicht denken.

„Nicht“, „kein“, „un-“ und andere Nega­tionen stören also die Kommu­ni­ka­tion, weil unser Gehirn immer zuerst die Sache denkt, um sie anschlie­ßend umständ­lich zu verneinen. Das gilt auch für Ihren Text: Wenn Sie schreiben „Mit diesem neuen Werk­zeug gibt es endlich keine Umrüst­zeiten mehr“, ist der tiefe Gedanke, den Sie damit im Gehirn des Lesers anlegen „Neues Werk­zeug! Umrüst­zeiten!“.

Wie hält man sein Kind also davon ab, Blumen­erde auf dem Teppich zu verteilen? Rufen Sie: „Halt das fest!“. Jede Wette, dass es funk­tio­niert! Denn posi­tive Aussagen wirken immer besser als negierte. Für Ihren Text heißt das: „Mit diesem neuen Werk­zeug haben Sie mehr Zeit für andere Dinge.“  

2Lies mal, wer da spricht

Ihr Kind sitzt auf Ihrem Schoß und Sie lesen eine Geschichte vor, in der Maus und Bär ein kleines Aben­teuer zusammen erleben. Um die Geschichte lebendig zu machen, brummen Sie, wenn der Bär spricht und piepsen, wenn die Maus etwas sagt. Viele Kinder­bü­cher stellen Ihnen dann aber gemeine Fallen:

Die Maus sagte zum Bären: „Da liegt ein Pick­nick­korb auf der Wiese!“ Sie schli­chen vorsichtig hin. „Lass uns doch einmal nach­schauen, was da drin ist“, sagte der Bär.
Natür­lich haben Sie den letzten Satz mit der Mäuse­pieps­stimme vorge­lesen.

Wenn wir einen Text lesen, lesen wir ihn uns immer selbst vor, im Grunde wie ein Erst­klässler, nur dass wir dabei still sind. Wir hören also Stimmen im Kopf, ordnen sie Personen zu und sind verwirrt und verär­gert, wenn die Stimme unan­ge­kün­digt wech­selt. Für Kinder­bü­cher wie für jour­na­lis­ti­sche Texte also gilt: Wech­selt der Spre­cher, muss der Leser das vorher erfahren – immer.

3Gib mir ein Bild

Manche Autoren denken offenbar, dass Kinder gerne Geschichten lauschen, in denen haupt­säch­lich gespro­chen wird – ein endloses Gelaber. Doch Kinder­pu­pillen weiten sich immer dann, wenn etwas geschieht. Alle Menschen – nicht nur die kleinen – sehnen sich nach Verben, genauer: nach starken Verben, die Bewe­gung in die Geschichte bringen: rennen, weinen, stoßen, platzen, schnaufen, stinken, reißen, tapsen und so weiter. Da hat das Gehirn ein Bild, da passiert etwas.

Viel zu viel Gelaber

Viel zu oft lesen wir hingegen, wie Menschen berichten. Aber wir sehen sie nie etwas tun. Viele Unter­neh­mens­pu­bli­ka­tionen pflegen zudem die aus den Amtstuben bekannte Lust an der Abstrak­tion. Da wird instal­liert, produ­ziert, fest­ge­stellt, Wartungs­ar­beiten werden durch­ge­führt oder Projekte koor­di­niert. Alles Ausdrücke die kein Bild anregen.

Ein Beispiel: „Der Mitar­beiter über­prüft in Stich­proben die Qualität der Bauteile.“ Hier könnte auch stehen: „Der Mitar­beiter greift sich aus jeder Kiste ein Bauteil heraus, dreht es in den Händen und schaut es genau an. Wenn alles in Ordnung ist, legt er es wieder zurück.“ Jetzt sehen Sie, was er macht.

Machen Sie den Praxis­test und Sie werden sehen: Mit diesen drei Lektionen aus der Kinder­stube bekommen Ihre Texte mehr Leben.

Florian Burkhardt

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