5 Regeln für das jour­na­lis­ti­sche Schreiben im Reali­tätscheck


Bei meinem Volon­tärs­kurs lernte ich einige neue Text­re­geln. Welche davon kann ich anwenden? Was muss für die Corpo­rate Publi­shing-Praxis ange­passt werden? Der Reali­tätscheck.

Wir haben doch keine Zeit

„Leser haben keine Zeit – oder sie nehmen sich zumin­dest keine.“ Das war eine Kern­bot­schaft des Semi­nars. Nur sechs Minuten pro Tag beschäf­tigen sich Menschen mit Zeit­schriften. Sie blät­tern halb­in­ter­es­siert durch das Heft, schauen Bilder an, lesen Text­an­fänge. Versteht der Leser dabei etwas nicht, dann ist er weg – für immer. Die wich­tigste Regel für Jour­na­listen lautet daher: einfach und verständ­lich schreiben.

  1. Nur ein Gedanke pro Satz

    Möglichst nur einen Gedanke pro Satz schreiben – diesen Leit­spruch prägte uns einer der Dozenten beim Seminar ein. Gesagt, getan. An meinem ersten Tag zurück im Büro, über­ar­beite ich ein Mitar­beiter-Porträt und verpacke verschie­dene Gedanken in vonein­ander getrennte, kurze Haupt­sätze. Und prompt packt mein Kollege zwei Sätze wieder zusammen! „Du musst aufpassen, dass du nicht in einen Stak­kato-Stil verfällst“, lautet seine Begrün­dung. Er hat Recht. Das ist eine Regel. Subjekt-Prädikat-Objekt. Die kann man auf die Spitze treiben. Da entstehen solche Text­ab­schnitte. Sie sind sehr verständ­lich. Sie sind aber nicht inter­es­sant. Sie sind nicht schön zu lesen. Ich merke mir: Ein Wechsel zwischen kurzen und mittel­langen Sätzen ist in der Regel sinn­voll.

  2. Größen­ein­heiten verein­heit­li­chen

    Eine verständ­liche Sprache erreicht der Autor auch dadurch, dass er unter­schied­liche Größen in einer Einheit angibt. Statt einen Durch­messer von zwanzig Milli­me­tern und Längen von einein­halb Zenti­me­tern sowie einein­halb Metern zu nennen, können alle Größen in Zenti­meter umge­rechnet werden. So hatte es mir zumin­dest die Dozentin erklärt. „Das ist nur halb­richtig“, kommen­tiert ein anderer Kollege meinen Einwand bei der Text­kor­rektur. „Wichtig ist, dass man sich unter der ange­ge­benen Größe sofort etwas vorstellen kann.“ Zwei Zenti­meter sind okay, aber 150 Zenti­meter? Da fehlt der Vergleichs­maßstab im Kopf. Die Wahl der rich­tigen Größen­ein­heit kann also nicht stur stan­dar­di­siert werden, sondern hängt immer vom Kontext und der Gewohn­heit ab.

  3. Fach-, Spar­ten­sprache und Angli­zismen vermeiden

    „In einer Welt zuneh­menden Kommu­ni­ka­tions-Vakuums können Leads nur noch über Awareness in den Commu­nities zu einem wirkungs­vollen Dialog moti­viert werden.“ Diese etwas will­kür­liche Anein­an­der­rei­hung von Fach­wör­tern und Angli­zismen stammt aus unserem Marke­ting-Quiz. In Publi­kums­zeit­schriften sollte eine derar­tige Sprache laut Seminar vermieden werden. Einleuch­tend, denn verständ­lich ist sie für Otto-Normal-Leser nicht. Aber Fach­ma­ga­zine ohne Fach­sprache? Da wir im B2B-Bereich viele tech­ni­sche Themen für Indus­trie­kunden umsetzen, brau­chen wir Fach­be­griffe. Schließ­lich möchte der fach­kun­dige Leser nicht die Geschichte von einem Lüfter, sondern von einem kompakten Radi­al­lüfter mit drei­pha­sigem EC-Motor lesen, damit er ein Bild vor Augen hat. „High­lights“, „Down­loads“ oder „Meetings“ können trotzdem zuhause bleiben.

Let me enter­tain you

Jour­na­lis­ti­sche Texte sollen auch unter­halten. Das gilt beson­ders für die klas­si­schen Magazin-Formate Repor­tage, Inter­view und Porträt. Die zweite Haupt­regel aus dem Maga­zin­jour­na­lismus lautet also „Halte deine Leser bei Laune“.

  1. Sprach­stil vari­ieren

    Leser lang­weilen sich schnell. Damit das nicht passiert, setzen Jour­na­listen auf sprach­liche Abwechs­lung. Wir sollen also, so lernten wir, Perspek­tive, Tempo und Sprach­duktus vari­ieren. Eine Repor­tage ist gut, wenn sich sprach­liche Nahauf­nahmen und Weit­winkel, hekti­sche Szenen und ausführ­liche Land­schafts­be­schrei­bungen sowie nüch­terne Sprache und blumige Ausfüh­rungen abwech­seln. Doch auch hier gibt es ein ‚Aber‘. „Der erste Absatz bestimmt den Stil des ganzen Textes“, erklärt mir mein Kollege, nachdem er meine Repor­tage studiert hat. „Nach einem nüch­ternen Einstieg, darfst du im Haupt­teil nicht flapsig schreiben – das irri­tiert den Leser.“ Ausnahmen sind Zitate, die den Charakter des Prot­ago­nisten wider­spie­geln. Gar nicht so einfach, diese Abwechs­lung!

  2. Synonyme verwenden
    synonyme

    Sagt X, sagt Y, sagt Z – wer den Leser bei Laune halten will, sucht lieber nach Synonymen zu häufig gebrauchten Worten. Ich versuche also in meinem Text möglichst viele der 86 Synonyme von „aussagen“ bis „säuseln“ unter­zu­bringen, die wir im Seminar gesam­melt hatten. Da schreitet mein Kollege ein: „Wieder­hole lieber einen tref­fenden Ausdruck, als eine schiefe Alter­na­tive zu wählen. Ein Prot­ago­nist kann durchaus mehr­mals etwas sagen, wenn die Alter­na­tiven gerade nicht passen“, röhrt er. Also erst mal kein „nuscheln“, „murmeln“, „glori­fi­zieren“ – und dabei hatten wir im Seminar so schön „gebrain­stormt“.

Fazit: Keine Regel ohne Ausnahme

Die allge­meinen Text­re­geln des Jour­na­lismus gelten auch für das Corpo­rate Publi­shing. Doch: Keine Regel ohne Ausnahme. Wer einfach, präzise, abwechs­lungs­reich und unter­hal­tend schreiben will, muss abwägen. Versetzt man sich stets in seine Ziel­gruppe, dann hat man schon halb gewonnen. Ganz egal, um wen es sich dabei handelt.

Tina Hofmann
  • Autorin:
    Tina Hofmann
  • Datum:
    28.08.2015
  • Lesezeit:
    5 kurze Runden

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