7 Agen­turkli­schees und was davon übrig blieb


Vor meinem Start ins Volon­ta­riat hatte ich einiges über die Arbeit in Agen­turen gehört. Nach sieben Monaten bei pr+co weiß ich: So viel Wahr­heit steckt in den gängigsten Klischees.

Voruteile-Agenturen-Beitragsbild

  1. Miese Work-Life-Balance

    Als mir der Geschäfts­führer noch um 22 Uhr auf meine Bewerbungs­email antwortet, sehe ich mich schon bis spät in die Nacht im Büro sitzen, unbe­zahlte Über­stunden anhäufen und sage leise „Tschüss“ zu meiner Frei­zeit. Muss ich in Zukunft auch den halben Tag frei nehmen, damit ich ausnahms­weise um 19 Uhr gehen darf, wie die Satire-Webseite Stutt­garter Bote über das weit verbrei­tete Über­stunden-Gerücht berichtet? Nein, denn zum Glück sieht der Alltag bei pr+co anders aus: es gibt feste Arbeits­zeiten, in der Regel arbeiten wir acht Stunden am Tag. Wenn es etwas Dring­li­ches zu tun gibt, lässt natür­lich keiner pünkt­lich den Stift fallen – vieles kann aber auch bis zum nächsten Tag warten. Somit bleibt genug Zeit für Hobbys und Privat­leben.

  2. Unbe­zahlte Prak­ti­kanten schmeißen den Laden

    Zudem ist die Bezah­lung in Agen­turen schlecht, heißt es. Berufs­ein­steiger verdienen wenig, das Gehalt von Volon­tären oder Trai­nees ist noch geringer und Prak­ti­kanten bekommen gar nichts. Außer 50-Stunden-Wochen, in denen sie für die Kollegen recher­chieren, tele­fo­nieren und Vertei­ler­listen anlegen dürfen. Denn ohne die Heer­scharen von Prak­ti­kanten würde in Agen­turen nichts laufen. Bei pr+co habe ich jedoch bislang keinen einzigen Prak­ti­kanten gesehen. In der Regel beginnt der Einstieg hier als Volontär/in, damit eine umfas­sende Betreuung sicher­ge­stellt werden kann. Und dabei ist die Bezah­lung besser, als bei manchem Junior-Mitar­beiter in einer Werbe­agentur.

  3. Unbe­liebte Aufgaben und keine Weiter­bil­dung

    „Lehr­jahre sind keine Herren­jahre“ kommen­tierte damals ein Kollege in der Berliner PR-Agentur, als die Sekre­tärin mich – die Prak­ti­kantin – zum Ausräumen der Spül­ma­schine zitierte. Daher fragte ich mich vor Beginn des Volon­ta­riats, ob der Einstieg hier auch aus Kaffee­ko­chen, dem Erstellen endloser Excel-Listen und anderen Aufträgen besteht, auf die die erfah­re­neren Kollegen einfach keine Lust haben. Die Antwort nach sieben Monaten lautet: Keines­wegs! Von Anfang an hat mich das Team in die aktu­ellen Projekte einbe­zogen, ich durfte Texte schreiben, Inter­views führen und Online-Artikel bauen. Ich lerne jedoch nicht nur täglich aus dem Feed­back der Kollegen, sondern konnte mich auch umfas­send bei einem zwei­wö­chigen Seminar zum Schreiben für Maga­zine weiter­bilden.

  4. Nur coole Typen unter 30

    Der typi­sche Agen­tur­mensch ist noch keine 30 Jahre alt und wahn­sinnig cool. Er duzt alle, auch seine Kunden, und schmeißt den ganzen Tag mit Buzz­words um sich. Die Begriffe „Consumer Insights“, „Game Changer“ und „Drive-to-web-Akti­vi­täten“ muss man kennen, wenn man die ersten Tage in einer Agentur über­leben will – so war zumin­dest meine Befürch­tung. Bei pr+co komme ich dagegen ganz ohne Wörter­buch klar und ledig­lich drei der 17 Mitar­beiter sind unter 30. Das liegt vor allem daran, dass man hier gerne bleibt: Manche Kollegen sind schon über zehn Jahre dabei. Also weniger Cool­ness, mehr Kompe­tenz. Ein Agen­turkli­schee stimmt aber: Von meinen Kollegen kenne ich nur die Vornamen.

  5. Hipster mit Horn­brille und Mac unterm Arm

    Haupt­sache hip, so das Vorur­teil, gilt auch für die Klei­dung. Anzüge tragen Ange­stellte in Agen­turen nur bei wich­tigen externen Terminen – dann aber mit Turn­schuhen. Ansonsten sind schwarze Pull­over und Horn­brillen sowie asym­me­tri­sche Haar­schnitte bei den Menschen vor dem Mac en vogue. Ein Blick auf unsere Team­seite beweist: bei pr+co ist mehr Abwechs­lung geboten! Auch wenn es stimmt, dass keiner frei­willig in einen Anzug schlüpft. Auch hinsicht­lich des gängigen Mac-Klischees muss ich enttäu­schen: Außer unserem Leiter Digital Publi­shing und unseren Grafi­kern sitzen wir alle vor schnöden Windows-Rech­nern.

  6. Zur Ideen­fin­dung erst mal die Nase pudern

    Der Film „39,90“ zeigt, wie es geht: Fehlt die zündende Idee, sorgt eine Nase Koks für spru­delnde Ideen. Mel Gibson greift als Werber in „Was Frauen wollen“ dagegen zu güns­ti­geren Methoden und testet die zu bewer­benden Produkte – in seinem Fall Enthaa­rungs­streifen und Strumpf­hose – am eigenen Körper. Wir können die Produkte über die wir schreiben nicht testen, weder Werk­zeug­ma­schinen noch Kabel. Und auf unserem Glas­tisch wird höchs­tens mal etwas Kräu­tertee verschüttet. Fällt einem einmal nichts ein, dann hilft ein Gespräch mit Kollegen oder manchmal auch ein Kicker-Match. Ja, ich gebe es zu, dieses Vorur­teil stimmt: Wie jede anstän­dige Agentur besitzen auch wir einen Tisch­fuß­ball und geben uns daran zumin­dest der Spiel­sucht hin.

  7. Alle sind eine große Familie – auch nach Feier­abend

    In den Mittags­pausen wird fleißig gemeinsam geki­ckert, manche Kollegen haben sich schon zu wahren Profis gemau­sert. Und nach Feier­abend? Stimmt das Klischee der Agentur als große Familie, die sich nach einem langen Arbeitstag noch in der neuesten Szenebar oder im hippsten Club der Stadt trifft? Jein. Zuge­geben, wir haben uns schon ziem­lich lieb. Daher gab es in den letzten Monaten auch die eine oder andere gemein­same Frei­zeit­ak­ti­vität nach Feier­abend, zum Beispiel eine Wein­wan­de­rung und einen Koch­kurs. Die meisten verbringen den Groß­teil ihre Abende dann aber doch lieber mit Freunden oder ihrer rich­tigen Familie. So bleiben „Work“ und „Life“ in der rich­tigen Balance und das Team guter Laune.

Tina Hofmann

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