Coole Produktfotos mit Wirkung — dank der Guerilla-Taktik

Egal, ob es sich um einen Ventilator, ein Zahnrad oder eine kleine, zentrale Recheneinheit handelt — mithilfe ungewöhnlicher Produktfotografie (Lichtbild mit Überraschungseffekt) können wir daraus ein Design-Lifestyleprodukt, einen Goldbarren oder einen futuristischen Supercomputer entstehen lassen. Und das ist im Idealfall der Beginn einer wunderbaren Geschichte im Kopf unserer Leser.

Maschinenbauteile, Werkzeuge und andere B2B-Produkte sind nicht unbedingt attraktiv, sondern eher funktional — und arbeiten häufig im Verborgenen. Der Fokus der Ingenieure liegt auf Funktion und Effizienz, nicht auf einem ansprechenden Äußeren. Doch das ist alles eine Frage der Perspektive. Wer ungewöhnliche Produktfotos für Kunden- oder Mitarbeiter­magazine machen will, muss nur genau hinschauen — und mit den „richtigen“ Mitteln arbeiten. Diese brauchen jedoch nicht groß, teuer oder aufwändig sein. Eine unserer bewährten Vorgehensweisen ist, eine Beziehung zum Objekt aufzubauen.

Imaginieren, foto­grafieren, Geschichten projizieren

Wir wollen in den von uns gestalteten Magazinen die Produkte nicht wie im Katalog wirken lassen: nüchtern und technisch. Vielmehr wollen wir möglichst viel Emotion beimischen. Deshalb übernehmen wir bei Produktstorys die Fotografie gerne selbst und können dann — da wir immer die Anforderungen des Layouts im Hinterkopf haben — maximal intuitiv und agil vorgehen.

Das Ziel ist also, ein ungewöhnliches Bild (für ein besonderes Layout) zu machen, das sich sofort von normaler Produktfotografie unterscheidet. Dazu gehen wir nach der Magaziniker-Guerilla-Taktik vor: Zunächst nähern wir uns dem Produkt an, indem wir seine Form analysieren und dabei versuchen, sein Wesen zu verstehen. Eine mutige Entscheidung zum Einsatz des Lichts (natürliche oder künstliche Beleuchtung) bildet oft den Ausgangspunkt. Darauf folgt ein intuitives Testen, wie das Produkt auf verschiedene Lichtrichtungen reagiert. Hat das Objekt spiegelnde Flächen oder kann es einen interessanten Schatten werfen? Sind eher die Details oder die Außenform optisch spannend? Komposition, Blickwinkel, Ausschnitt, Licht — das alles sind die Mittel, um Industrieprodukten mehr Leben einzuhauchen und ihnen eine Geschichte mitzugeben.

6 Guerilla-Tipps für coole Produkt­fotos

  • Spiel mit Licht: Viel Licht / wenig Licht (Spotlight?)
  • Agil bleiben, mit der Kameraposition experimentieren!
  • Entscheidung: viel Tiefenschärfe? Oder ganz wenig?
  • Sind Untergründe (k)ein Thema?
  • Nähe erlaubt oder Distanz nötig? (Makroobjektiv/Weitwinkel)
  • Mut zu unerwarteter Postproduktion (RAW-Bearbeitung, Look).

… und dabei immer schnell und intuitiv arbeiten, und sich überraschen lassen.

Coole Produkt Fotografie mit Storytelling: Mehr als Kupfer in Licht und Schatten.

Sechs sells: mehr als Kupfer in Licht und Schatten.

Coole Produkt Fotografie mit Storytelling: Low key — high sharpness.

Aus der Tiefe ins Licht: low key — high sharpness.

Coole Produkt Fotografie mit Storytelling: A tech shade of yellow.

Wo Licht ist… a tech shade of yellow.

Coole Produkt Fotografie mit Storytelling: Von Innen nach Außen.

Spooky: What’s creeping outside?

Coole Produkt Fotografie mit Storytelling: Das rote oder das blaue Kabel?

Thriller: das rote oder das blaue Kabel?

Coole Produkt Fotografie mit Storytelling: Low key, der Orden.

Unersetzlich: Dieses Kleinigkeit hat sich einen Orden verdient.

Coole Produkt Fotografie mit Storytelling: Startklar im Hangar.

Blowin’ in the wind: startklar im Hangar.

Coole Produkt Fotografie mit Storytelling: Blick in die Turbine.

Next dimension: Turbine, check!

Coole Produkt Fotografie mit Storytelling: Startklar — Apollo Rakete.

Life on Mars: Houston, wir können downcounten!

Auslöser drücken und postproduzieren  

Tipps und Erklärungen helfen aber nicht viel, wenn eines fehlt: Das Interesse am Objekt. Was ist die Motivation, genau jetzt und hier auf den Auslöser zu drücken? Weitere wichtige Fragen, die man sich stellen sollte, lauten: Lassen die Details genug Spielraum für die Fantasie des Magazinlesers — wieviel bleibt erkennbar? Welche Aufgaben hat die Produktfotografie im Layout? Was muss unangetastet bleiben und was darf künstlerisch verfremdet werden?

Zusätzlich hilft das Wissen, was in der „Dunkelkammer“ (RAW-Bearbeitung, vgl. Postproduktion) möglich ist, und der Wille, dogmatische Hemmungen abzulegen, um einfach mal was Wildes auszuprobieren. Auch Mut und Schnelligkeit sind gefragt: Löschen und zurückrudern ist ja immer möglich, falls der Kunde zum Beispiel mit einem Goldbarren statt einem Zahnrad (siehe oben) doch nicht so viel anfangen kann wie gedacht. Man könnte dann ja immer noch auf die Bilder in der Mediadatenbank des Kunden zurückgreifen.

Lauschangriff: bei der Proofsichtung mit Kunde und AD

Kunde: „Wo am Ventilator ist denn eigentlich dieser coole Ausschnitt mit den Rippen fotografiert? Wirkt riesig auf mich.“

AD: „Ähem, ———“

Kunde: „War das hier? Oder dort?“

AD: „Nein, … (das sieht halt auf A4 viel größer aus) — … ja, doch, hier auf dem Flügel! Der fotografierte Ausschnitt ist im Original nur drei Zentimeter groß! — Tja, da habe ich wohl so schnell fotografiert, dass ich schon wieder vergessen habe, wo das Produkt so überraschende Details hat.“

Gernot Walter
  • Autor:
    Gernot Walter
  • Datum:
    12.08.2020
  • Lesezeit:
    Text? Etwa 6 Minuten. Bilder? [individuell]

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