„Wir begegnen Menschen, nicht Kulturen“

Wer in der Unternehmens­kommunikation tätig ist, hat es mit Menschen aus aller Welt zu tun. Und fragt sich mitunter: Was gilt wo als höflich? Die Leadership und Diversity Trainerin Fadja Ehlail gibt unserer Redakteurin Eveline (fast) keine Praxistipps zur interkulturellen Kommunikation – aber Antworten auf viel größere Fragen.


Fadja, wir nennen uns beim Vornamen, weil wir zwecks Termin­findung für dieses Interview einige Male Kontakt hatten. Es war aber klar, dass ich dich erst einmal als Frau Ehlail anspreche und abwarte, ob du mir das „Du“ anbietest. Empfindet es zum Beispiel eine Ansprech­partnerin aus den USA, wo gefühlt jeder nur einen Vornamen hat, nicht als arg distanziert, wenn ich sie sieze?

Als Trainerin und Coach hat sich Fadja Ehlail „communication across cultures“ auf die Fahnen geschrieben. Dass sie weiß, wovon sie redet, liegt auch an ihrem deutsch-palästinensischen Elternhaus im Saarland.

Das ist, zumindest aus geschäftlicher Perspektive, egal. Es ist ein Märchen, dass Geschäfte nicht zustande kommen, weil man die Visiten­karte falschrum überreicht hat. Meiner Erfahrung nach ist das nie das Problem.

Wenn es nicht irgendwelche Benimmregeln sind – worauf müssen wir dann achten bei der inter­kulturellen Kommunikation mit Kollegen und Kolleginnen, Geschäftspartnern und -partnerinnen?

Erst einmal müssen wir wegkommen von dem Begriff interkulturelle Kommunikation. Als ich 2005 eine Ausbildung zur interkulturellen Trainerin machte, war das der heiße Scheiß. Inzwischen sind wir aber viel weiter: Wahrnehmung, Prägung und Werte der kommuni­zierenden Menschen stehen jetzt im Zentrum und nicht ein Werkzeug­kasten für die erfolgreiche Kommunikation, die sich viele wünschen. Heute geht es um Diversität.

„Du hinterfragst deine eigene Prägung: Warum nervt dich das, was Herr Abdallah da macht?“

Das heißt, wenn ich akzeptiere, dass andere anders sind, klappt’s auch mit der Kommuni­kation?

Wenn du verstehst, dass es nicht die „richtige“ Art gibt, mit „dem“ Chinesen zu interagieren, erhöht das die Chancen, dass wir gut miteinander ins Gespräch kommen. Wir begegnen Menschen, nicht Kulturen. Und jeder Mensch hat seine indivi­duellen Erfahrungen, seine Prägung.

Verstanden. Aber inwiefern bringt mich das weiter bei der Interaktion mit Ansprech­partnern und Ansprech­partner­innen aus aller Welt?

Du setzt bei dir an und hinterfragst deine eigene Prägung: Warum nervt dich das, was Herr Abdallah da macht? Wenn wir unser eigenes Mindset reflektieren und erkennen, warum wir das Fremde fremd finden, können wir Gelassen­heit entwickeln. Und Unternehmen profitieren gewaltig von Diversität, die nicht nur oberfläch­lich ist, sondern unterschied­lich eingestellte Menschen zulässt.

Wie profitieren sie davon konkret?

Menschen tendieren zu Ähnlichem. Dabei kann Kreativität und Resilienz in Unternehmen nur durch Vielfalt entstehen. Wie soll denn Neues entstehen, wenn alle gleich ticken? Die DAX-­Unternehmen, mit denen ich arbeite, erkennen das inzwischen. Start-Ups und das Silicon Valley leben das schon lange. Nur tun sich nicht alle Führungs­kräfte leicht damit. Es ist eben gemütlicher, sich nicht mit dem Anderen oder Neuen auseinander­setzen zu müssen. Aber Monokultur funktioniert schon in der Natur nicht gut, dort sieht man: Sie ist sehr anfällig für Schädlinge und Störungen von außen.

„Es gibt nicht nur die lauten Gewinnertypen.“

Was kann die Unternehmens­kommunikation zur Diversität beitragen?

Sie kann Sichtbarkeit schaffen! Damit meine ich keinen Artikel über den Azubi mit Gluten­unverträg­lichkeit, der seinen Job aber auch ganz toll macht. Es ist essenziell, Erfolge zu feiern – gerade Erfolge, die durch Scheitern entstanden sind. Diversität zu leben, bedeutet auch das Zulassen von vermeint­lichem Scheitern. Erfolg entsteht selten auf geradem Wege, sondern durch Trial-­and-­Error. Das darf und muss gezeigt werden. Es gibt nicht nur die lauten Gewinner­typen.

Du trainierst vor allem Führungs­kräfte. Verrätst du uns eine Übung, um die eigene Geistes­haltung zu reflektieren?

Stell dir vor, wie jemand anderes oder auch ein Gegenstand dich vorstellen würde. Was würden deine Mutter oder dein Tennis­schläger über dich sagen? Die Sicht auf uns von außen hilft. Wir brauchen das Andere, um uns selbst zu definieren. Und wir müssen uns selbst kennen, um erfolgreich mit anderen kommunizieren zu können. Dafür ist das Meditieren essentiell: Den eigenen Geist zu entdecken, sich selbst auf die Schliche kommen – das ist der beste Weg, eine Vielfalt in allen Bereichen zulassen zu können.

Fadja Ehlail aus der Sicht von Eveline Blohmer

Offen ist sie. Sie weiß, wer sie ist und hat keine Scheu, das zu zeigen. Ihr Horizont ist weit. Sie trägt keine Scheu­klappen und ist offen für andere. Dass ich fast den Interview­termin verpasste, nimmt sie gelassen. Vielleicht auch, weil sie uneitel ist. Aber machen Sie sich doch ein eigenes Bild von Fadja Ehlail und ComAcross!

Eveline Blohmer

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