Trends in der Maga­zin­fo­to­grafie


Beein­flusst von der Kunst, der Werbung, dem einfa­chen Handy­schnappschuss und tech­ni­schen Neue­rungen unter­liegt die Magazin-Foto­grafie stän­diger Verän­de­rung. Wir stellen sieben aktu­elle Trends vor.

Sie bestimmen, ob eine Zeit­schrift in die Hand genommen, durch­ge­blättert und gelesen wird: die Fotos, die von Titel­seiten strahlen und Artikel illus­trieren. Doch nicht nur das Motiv wirkt – auch Farbe, Stil und Technik bein­flussen, welche Fotos Leser von Publikums­zeit­schriften, Mitar­beiter- oder Kunden­ma­ga­zinen gut und inter­es­sant finden. Wer die Foto­t­rends kennt, kann Bilder mutiger einsetzen und eine bessere Wirkung erzielen.

1 Geringe Schärfen­tiefe

Die Schärfen­tiefe ist der Bereich, der auf dem Foto als scharf wieder­gegeben wird. Ist die Schärfen­tiefe groß, so sind alle Bereiche des Bildes scharf zu erkennen. Möchte der Foto­graf den Blick des Betrach­ters jedoch auf ein Haupt­motiv lenken, fokus­siert er nur auf dieses. Der Vorder- und Hinter­grund wird dadurch unscharf und das Motiv besser isoliert.

View, 08/2015, S. 55

View, 08/2015, S. 55

View, 07/2015, S.82/83

View, 07/2015, S.82/83

Beef!, 04/2015, S. 84/85

Beef!, 04/2015, S. 84/85

View, 07/2015, S. 100/101

View, 07/2015, S. 100/101

Stern, 08/2015, S.14/15

Stern, 08/2015, S.14/15

Die Wirkung: Das Auge des Betrach­ters richtet sich auto­ma­tisch auf den scharf gestellten Bereich des Bildes und verliert sich nicht in Neben­sächlichkeiten. Dadurch kann der Betrachter eindeu­tiger und schneller dessen Schwer­punkt bestimmen und die Inten­tion des Bildes erkennen.

2 Redu­zierte Farbig­keit

Ein weiterer Trend in der Maga­zin­welt sind Porträt- oder People-Aufnahmen mit redu­zierten Farben. Diese Fotos sind blasser, als wir es in der Realität gewohnt sind.

Nido, 08/2015, Titel

Nido, 08/2015, Titel

Nido, 08/2015, S. 34

Nido, 08/2015, S. 34

Nido, 08/2015, S. 104

Nido, 08/2015, S. 104

Numéro Homme Berlin, Sommer 2015, S. 74

Numéro Homme Berlin, Sommer 2015, S. 74

Beef!, 4/2015, S. 32

Beef!, 4/2015, S. 32

Die zurück­hal­tende Farbig­keit steht auch im Gegen­satz zur bunten Fernseh- und Werbe­welt. Daher setzen Zeit­schriften sie ein, um Personen inter­es­santer und glaub­wür­diger wirken zu lassen oder um sich mit ihrem Cover am Kiosk von anderen, über­wie­gend bunten Maga­zinen abzu­heben. Foto­grafen verwenden diesen Effekt auch, um Bildern einen Retro-Look zu verleihen, da Fotos mit einer redu­zierten Farbig­keit älter wirken.

3 Dunkler Hinter­grund

Derzeit öfter zu sehen sind dunkle Hinter­gründe oder Ränder auf Bildern. Diese führen dazu, dass die Personen in der Mitte des Fotos heller hervor­treten und das mensch­liche Auge von diesen hellen Stellen ange­zogen wird. Zusätz­lich führen die dunklen Hinter­gründe bei Porträt­auf­nahmen zu einem stark kontras­tierten Gesicht der Prot­ago­nisten.

Beef!, 04/2015, S.132/133

Beef!, 04/2015, S.132/133

GQ, August 2015, S. 48/49

GQ, August 2015, S. 48/49

brand eins, 08/15, S. 71

brand eins, 08/15, S. 71

brand eins, 08/15, S.111

brand eins, 08/15, S.111

Der Effekt entsteht, wenn Personen vor einem dunklen Hinter­grund mit hellem Porträt­licht foto­gra­fiert werden. Er wird gezielt genutzt, um Teile des Bildes hervor­zu­heben.

4 Schwarz-Weiß

Schwarz-Weiß-Bilder sind in Maga­zinen kein neuer Trend, sondern ein etabliertes Stil­mittel. Dennoch sind sie auch in aktu­ellen Maga­zinen wieder ein häufig einge­setzter Effekt. Auffällig ist, dass Zeit­schriften Schwarz-Weiß-Bilder gerne für Mode­stre­cken nutzen.

myself, August 2015, S. 68/69

myself, August 2015, S. 68/69

brand eins, 08/15, S. 46/47

brand eins, 08/15, S. 46/47

GEO, August 2015, S.44/45

GEO, August 2015, S.44/45

Numéro Homme Berlin, Sommer 2015, S. 140/141

Numéro Homme Berlin, Sommer 2015, S. 140/141

Das liegt vor allem daran, dass diese Art der Foto­grafie immer einen Kunst­aspekt vermit­telt. Die Nähe zur Kunst sucht die Mode­fo­to­grafie schon seit den 20-er-Jahren. Zudem setzen Schwarz-Weiß-Fotos stets einen starken Kontrast zur Farbig­keit im Rest des Heftes. Der aktu­elle Einsatz von Schwarz-Weiß-Foto­grafie in Publikums­zeitschriften spie­gelt auch wider, dass derzeit der S/W-Filter gerne bei privaten Handy­bil­dern genutzt wird.

5 Auf alt getrimmt

Mit einem anderen Filter bei der Handy­ka­mera lassen sich Fotos leicht auf alt trimmen. Auch Maga­zine verwenden diesen beliebten Retro-Effekt derzeit häufiger. Damit Bilder aussehen wie aus den 80-er-Jahren kann man ihnen einen leichten Rot- oder Gelb­stich verpassen. Eine andere Methode ist es, optisch Abnutzungs­effekte wie Kratzer auf dem Bild zu erzeugen.

Neon, 09/2015, S. 32/33

Neon, 09/2015, S. 32/33

Neon, 09/2015, S. 36

Neon, 09/2015, S. 36

Numéro Homme, Sommer 2015, S. 165

Numéro Homme, Sommer 2015, S. 165

Retro-Bilder erzählen eine Geschichte, da sie manche Ziel­gruppen an Fotos aus der eigenen Bilder­samm­lung erin­nern. Dadurch wird die Wahr­schein­lich­keit größer, dass sich der Betrachter emotional auf das Bild einlässt. Aber auch für Leser ohne persön­li­chen Bezug zu den 80er-Jahren sind sie inter­es­sant, da sie sich von Stan­dard­fotos abheben.

6 Unscharf

Ein weiteres Stil­mittel, das derzeit in der Mode­fotografie zu sehen ist, sind unscharfe Bilder. Foto­grafen setzen Bewegungs­unschärfe ein, um Mode­strecken künst­le­risch zu insze­nieren.

Numéro Homme Berlin, Sommer 2015, S. 82

Numéro Homme Berlin, Sommer 2015, S. 82

Numéro Homme Berlin, Sommer 2015, S. 265

Numéro Homme Berlin, Sommer 2015, S. 265

Nido, 08/2015, S. 119

Nido, 08/2015, S. 119

Unscharfe Bilder kommen jedoch auch in Neon und Nido vor. Bei diesen profes­sio­nellen Bildern wird der Handy­schnapp­schuss imitiert. Die verwa­ckelten Fotos sehen aus, als hätte sie ein Hobby­fo­to­graf schnell „im Vorbei­gehen“ geschossen. Da sie die Erwartungs­haltung des Betrach­ters stören, lenken sie den Fokus des Lesers auf das Foto. Sie können aber beispiels­weise auch als Stil­mittel einge­setzt werden, wenn im Artikel das Thema Unsi­cher­heit oder ein nicht klarer Sach­ver­halt behan­delt wird.

7 Refle­xionen

Früher versuchten Foto­grafen sicht­bare Refle­xionen von Gegen­licht im Linsen­system mit allen Mitteln zu vermeiden, doch im Moment liegen Blen­den­flecke voll im Trend. Ein Sunflare-Effekt entsteht, wenn man gegen die Sonne foto­gra­fiert. NEON zeigt jedoch, dass sich Blen­de­flecke auch prima bei Blitz­auf­nahmen gegen Scheiben oder Spiegel erzeugen lassen.

Neon, 09/2015, Titel

Neon, 09/2015, Titel

Neon, 09/2015, S. 5

Neon, 09/2015, S. 5

Neon, 09/2015, S. 42

Neon, 09/2015, S. 42

Der Effekt: Die Bilder sehen aus wie der spon­tane Handy­schnapp­schuss von Freund oder Freundin. Sie fallen auf, da sie mit gängigen Kon­ven­tionen brechen und verleihen den Bildern eine künst­le­ri­sche Note.

Fazit: Gegen­sätz­liche Trends

In der Maga­zin­fo­to­grafie gibt es nicht nur eine Rich­tung, sondern ganz viele, teil­weise auch gegen­sätz­liche Trends. Welche Effekte Maga­zine einsetzen, hängt haupt­säch­lich von Thema, Verlag und Ziel­gruppe der Zeit­schrift ab. Während sich Zeit­schriften wie View oder Beef! haupt­säch­lich auf die beste Insze­nie­rung profes­sio­neller Foto­grafie konzen­trieren, lehnen sich Maga­zine, die sich an ein jüngeres Publikum richten, eher an einfache Handy­fotos an, die gezielt unpro­fes­sio­nell aussehen.

DIE MAGAZINE
Für den Artikel habe ich mir die Kiosk-Maga­zine Beef!, GEO, GQ, Missy Maga­zine, myself, National Geogra­phic, Neon, Nido, Numéro Homme, Stern und View ange­schaut. Die Zeit­schriften stammen aus unter­schied­li­chen Verlags­häusern und decken ein breites Themen­spek­trum ab.

Tina Hofmann
  • Autorin:
    Tina Hofmann
  • Datum:
    22.02.2016
  • Lesezeit:
    wenig Text, viele Bilder

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