Von Schreibblockaden und Geduld beim Kochen

Ein Hoch auf die Schreibblockade! Denn sie ist ein Wegweiser für den kreativen Prozess. Die Prokrastination ist nur ein Anzeichen dafür, das eigene Denken zu entzwingen. Die Dampfnudel wird auch nicht schneller fertig, wenn man auf den Deckel starrt oder ihn anhebt.

Ein Stuttgarter Bettler schlurft zu einer Haustür, klingelt, eine alte Dame lugt heraus: „Was wolled Sie?!“, fragt die Frau. Der Bettler antwortet: „Ha gugged Sie mich doch amol aa! I hab seit drei Daag nix mehr g’esse!“ Erwidert die Dame: „Ja, Sie müssed sich halt zwinge!“

Warum die Pointe dieses Witzes des schwäbischen Kult-Kabarettisten Uli Keuler von 1987 so gut funktioniert, ist klar: Das Problem des Mannes ist bestimmt nicht sein mangelnder Wille. Wo kein Essen, da kein genüsslich Mampfen – egal wie sehr er sich zwingt. Dieses sich zwecklos zwingen kennen Kreative nur zu gut. Da wird das leere Word-Dokument mit zusammengeschobenen Augenbrauen wütend angestarrt, im Kopf schimpft der imaginäre Drill-Sergeant: „Schreib doch endlich!“ – und nichts passiert, Schreibblockade. Nein! Doch! Ooh!

In der Ruhe liegt die Kraft

Man könnte an dieser Stelle lang und breit erklären, wie eine Blockade zustande kommt, wie sie sich anfühlt, was man dagegen tun kann. Aber das braucht es gar nicht: Die ganz banale Basis für einen kreativen Stillstand ist meist die halbgare Idee. Wo dem Bettler noch das Essen im Teller fehlt, brauchen Kreative eben erst einen Plan, einen Einstieg, bevor ein Text gevespert werden kann. Wer nach Recherche und Ideensammlung – Zutaten besorgen und schnippeln – direkt ins Texten springen will, übersieht die wichtige zweite Phase – die Garzeit.

Ja, Sie müssed sich halt zwinge!

Eine Studie zeigt, dass 80 bis 95 Prozent aller Studierenden in ihrem Leben gelegentlich prokrastinieren (PDF), also wegen einer Blockade Aufgaben vor sich herschieben. (Schouwenburg, Lay, Pychyl & Ferrari, 2004). Kleinere Blockaden oder vorübergehende Phasen von Aufschieberitis, auch Prokrastination genannt, sind also normal – eine Pause machen, sich mit etwas anderem beschäftigen, ist schließlich integraler Bestandteil der Kreativarbeit. Ja, manchmal fällt einem sofort etwas ein und in sechs Minuten sind die Spaghetti schön al dente. Mahlzeit! Aber so manche Dampfnudel-Aufgabe braucht eben einfach ihre Zeit und ein bisschen Ruhe.

When nothing goes right, go left

Wer also zwischendurch lieber die Wäsche macht, den Vorratsschrank neusortiert oder spazieren geht, ist kein Drückeberger, sondern lässt das Gedankengericht in Ruhe köcheln – und sorgt sogar für neue Inspirationen in der Zeit. So finden sich im Netz auch zahllose augenzwinkernde Memes und Videos zum Thema Schreibblockade und Aufschieberitis. Bestes Beispiel: Der literarische Sternekoch George R.R. Martin konnte erst dann seine „Game of Thrones“-Reihe weiterschreiben, als die TV-Adaption endlich durch war (und ihn die Presse mit Fragen nach dem nächsten Band in Ruhe ließ). Wer sich also keinen Druck macht sondern eine Pause gönnt, wird feststellen, dass die Ideen danach besonders lecker schmecken.

So viel sei noch gesagt: Natürlich kann auch eine Schreibblockade oder Prokrastinationsphase ungesunde Ausmaße annehmen, wenn sie sich über Tage und Wochen zieht und das Selbstwertgefühl schon im Keller haust. Dann hilft es wenig, sich noch bessere Organisationstools und noch effektivere Zeitplanungsmodelle zu suchen: Es braucht Ursachenforschung. Mit der Blockade möchte uns das Hirn vor etwas schützen. Vielleicht vor den Ängsten, ob das fertige Projekt gut ankommen wird? Vor der Überlastung, weil sonst zu wenig Ruhezeiten und Pausen eingehalten werden? Vielleicht sogar vor der Tatsache, dass der Job einfach schon lange keine Erfüllung mehr bringt?

Kopf und Körper tun nichts ohne Grund, auch wenn wir ihn nicht gleich erkennen. Wenn also die innere Kreativmaschine blockiert, heißt es genau aufpassen: Steckt mehr dahinter? Oder brauchen die Dampfnudeln vielleicht einfach nur ein bisschen Zeit, bevor man sie – ganz zwanglos – verspeisen kann?

Maria Seidenkranz

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